Verleihung Schweizer Wissenschaftspreise
Bern, 05.11.2026 — Rede von Bundespräsident Guy Parmelin
Es gilt das gesprochene Wort!
Sehr geehrter Herr Ständeratspräsident,
Sehr geehrte Frau Professorin, sehr geehrter Herr Professor
Sehr geehrte Damen und Herren
Es ist mir eine grosse Freude, Sie heute hier im Bundeshaus zur Verleihung der Schweizer Wissenschaftspreise willkommen zu heissen.
Normalerweise wird in diesen Räumen über politische Fragen, Gesetze und konkrete Lösungen diskutiert. Heute geht es um etwas, das am Anfang von vielem steht: um Neugier, um Erkenntnis und um den Mut, Fragen zu stellen. Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt.
Wobei - Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt, kennen wir in der Politik natürlich auch. Der Unterschied ist nur: Von uns erwartet man trotzdem eine Antwort – und zwar möglichst bis zur nächsten Debatte in diesem Saal oder bis zur nächsten Medienkonferenz…
Im Gegensatz zur Politik bedeutet Forschung oft unterwegs zu sein. Auf einem Weg, von dem nicht klar ist, wohin er letztlich führen wird. Forschung beginnt oft mit einer Beobachtung, einem Rätsel oder einer scheinbar einfachen Frage. Was daraus entsteht, lässt sich nicht immer voraussagen. Genau darin liegen die besondere Kraft und der besondere Wert von Grundlagenforschung.
Heute zeichnen wir zwei Forschende aus, deren Gebiete unterschiedlicher kaum sein könnten. Martin Jinek erforscht die molekularen Grundlagen des Lebens. Er hat entscheidend zur Entwicklung eines Werkzeugs beigetragen, mit dem sich das Erbgut gezielt verändern lässt. Susanna Zimmermann beschäftigt sich als Mathematikerin mit den Strukturen der Geometrie und mit der Frage, wann unterschiedliche Formen auf einer tiefer liegenden Ebene als identisch gelten können.
Beide zeigen auf ihre eigene Weise: Wissenschaft erweitert unseren Horizont – manchmal, indem sie die Welt verändert. Manchmal, indem sie unser Denken verändert.
Sehr geehrter Herr Professor
Sie haben sich schon früh für die grundlegenden Zusammenhänge der Natur interessiert. In Cambridge führte Sie Ihr Weg von der Chemie bis zur RNA-Forschung. Ein Gastvortrag der Nobelpreisträgerin Jennifer Doudna weckte Ihr Interesse an ihrer Arbeit in Berkeley. Dort wurden Sie Teil eines Forschungsteams, dessen Arbeit später weltweit grosse Bedeutung erlangte.
Was als Grundlagenforschung begann, hat heute weit über die ursprüngliche Fragestellung hinaus Wirkung entfaltet.
Sie haben mitgeholfen, ein Werkzeug zu entwickeln, mit dem sich das Erbgut gezielt verändern lässt. Ich gebe zu: Manchmal wäre ein solches Werkzeug auch in der Politik ganz praktisch. Allerdings befürchte ich, dass wir uns nicht darauf einigen könnten, welches Gen wir zuerst verändern sollten!
Herr Professor! Ihr Weg zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, Chancen zu erkennen. Und ihnen dann auch zu folgen. Sie selbst sagen, man müsse auf das Glück vorbereitet sein – mit guter Ausbildung, harter Arbeit und hervorragenden Mentorinnen und Mentoren. Das ist eine Haltung, die weit über Ihr Fachgebiet hinaus Vorbild sein kann.
Sehr geehrte Frau Professorin
Auch Ihre Forschung beginnt mit einer Frage, die auf den ersten Blick sehr abstrakt erscheint: Wann sind zwei geometrisch unterschiedliche Objekte eigentlich identisch?
Sie beschäftigen sich mit der Frage, welche Strukturen hinter komplexen geometrischen Zusammenhängen stehen. Mit Ihren Erkenntnissen haben Sie das Verständnis dieses faszinierenden mathematischen Gebiets erweitert.
Ihre Frage, wann zwei unterschiedliche Dinge eigentlich identisch sind, finde ich übrigens hochinteressant. In der Politik haben wir oft das umgekehrte Problem: Zwei Parteien sagen praktisch dasselbe – und bestehen darauf, dass ihre Positionen völlig unterschiedlich sind!
Sie, Frau Professorin beschreiben Mathematik als kreativen Prozess – als eine Art Spiel mit klaren Regeln, aber ohne vorgegebene Strategie. Und Sie betonen die Bedeutung des Austauschs: Manchmal bringt eine andere Person genau jene Hälfte einer Lösung mit, die einem selbst noch fehlt.
Auch darin steckt eine wichtige Botschaft: Wissenschaft ist individuell, aber nicht nur. Erkenntnis entsteht durch Austausch, durch unterschiedliche Perspektiven und durch die Bereitschaft, gemeinsam weiterzudenken.
Wie wertvoll dieser Austausch ist, zeigte sich auch gestern beim Workshop der beiden Preisträgern mit jungen Studierenden. Ich hoffe, dass dieser für Sie alle bereichernd war. Vielleicht konnten Sie sich gegenseitig inspirieren?
Jedenfalls freue ich mich, dass einige der jungen Teilnehmenden heute hier im Saal und nachher beim Apéro mit dabei sind. So können die Gespräche fortgesetzt werden.
Sehr geehrte Damen und Herren
Martin Jinek und Susanna Zimmermann arbeiten in sehr verschiedenen Welten. Doch ihre Forschung verbindet etwas Grundsätzliches: Beide suchen nach Strukturen und Gesetzen, die uns helfen, komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen.
Das erinnert uns daran, weshalb wir Grundlagenforschung brauchen. Nicht jede Erkenntnis muss unmittelbar eine Anwendung haben. Manchmal entsteht der Nutzen erst Jahre später. Und manchmal besteht der grösste Gewinn zunächst schlicht darin, dass wir etwas besser verstehen als zuvor.
Damit dies möglich ist, braucht Wissenschaft Freiraum, Zeit und verlässliche Rahmenbedingungen. Der Forschungsplatz Schweiz lebt von Menschen, die neugierig sind. Er lebt von autonomen Hochschulen, die ihnen Möglichkeiten eröffnen. Sehr wichtig ist es, auch jene Forschung zu fördern, die Fragen zulässt, deren Antwort noch nicht absehbar ist.
Mein Dank gilt deshalb unseren beiden Preisträgern und allen, die sie auf ihrem Weg begleitet haben. Ich danke den Donatorinnen und Donatoren der Marcel Benoist Stiftung und der Internationalen Latsis-Stiftung für ihr ausserordentlich grosszügiges Engagement. Ich danke den Stiftungsratsmitgliedern für ihre Arbeit sowie dem Schweizerischen Nationalfonds für seinen Einsatz zugunsten einer weltweit kompetitiven Schweizer Forschung.
Sehr geehrte Frau Zimmermann, sehr geehrter Herr Jinek: Ich gratuliere Ihnen herzlich zu dieser Auszeichnung.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Neugier, Ausdauer und Freude an der Forschung – und uns allen noch viele Erkenntnisse. Erkenntnisse, mit denen Sie unser Wissen und unseren Blick auf die Welt erweitern.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
