Tag der Kranken – 1. März 2026
Bern, 01.03.2026 — Ansprache zum Tag der Kranken von Bundespräsident Guy Parmelin
Liebe Mitbürgerinnen, liebe Mitbürger
Als ich vor fünf Jahren zum ersten Mal das Amt des Bundespräsidenten ausüben durfte, stand unser Land im Zeichen der Pandemie. Jede und jeder von uns war betroffen — in der Familie, im Beruf, im Alltag.
Fünf Jahre später stehen wir an einem anderen Ort. Und doch kennen wir alle auch heute Menschen, die persönlich, in ihren Familien oder in ihrem Umfeld vom Thema «Krankheit» betroffen sind.
Auch am heutigen «Tag der Kranken», der dieses Jahr unter dem Leitgedanken «selbstbestimmt und eingebunden» steht.
Selbstbestimmung ist für mich im Leben etwas Wichtiges. Jede und jeder von uns hat das Recht, selber zu entscheiden, wie er oder sie sein Leben gestaltet. Ebenso ist es mit dem Recht, selber zu entscheiden, wie wir mit einer Krankheit und deren Folgen umgehen.
Diese Selbstbestimmung ist ein zentraler Wert unserer Gesellschaft. Sie gehört zu unserer Würde.
Gleichzeitig erleben viele Betroffene und Angehörige im Gesundheitswesen auch Momente der Fremdbestimmung: im Kontakt mit Fachpersonen, mit Institutionen, mit Abläufen, die vorgegeben sind. Vielleicht erinnern Sie sich an eine konkrete Situation, in der sie sich hilflos gefühlt haben. In der über Sie bestimmt wurde – und nicht mit Ihnen.
Gerade deshalb ist der Austausch mit anderen Betroffenen so wichtig. Gespräche, Selbsthilfegruppen, gemeinsames Verstehen — sie geben Halt und Orientierung.
Mir ist bewusst: Gesundheit ist keine Selbstverständlichkeit. Ein Unfall, eine schwere Krankheit — und plötzlich müssen sehr rasch Entscheide getroffen werden.
Viele von uns kennen den Gedanken: «Meine Angehörigen kennen mich gut, sie werden schon richtig entscheiden». Doch jetzt darüber zu sprechen, was man möchte — oder eben nicht möchte —, entlastet die Menschen, die uns nahestehen. Es schafft Klarheit in schwierigen Momenten.
Ich bin überzeugt: Gespräche über Wünsche, über Behandlung, über Notfälle — sind sinnvoll. Und sie sind Ausdruck von Verantwortung. Unabhängig vom Alter.
Denn Krankheit betrifft Menschen jeden Alters.
Junge wie ältere Menschen brauchen Raum, ihren eigenen Weg zu finden — mit ihren Hoffnungen, aber auch mit ihren Grenzen.
Gleichzeitig leben wir nicht alleine. Wir sind Teil einer Gemeinschaft. Und diese Gemeinschaft ist dann stark, wenn niemand ausgeschlossen ist — wenn Menschen eingebunden bleiben.
Dies habe ich in den letzten Wochen persönlich eindrücklich erlebt:
Auf den Tag genau vor zwei Monaten sind viele junge Menschen Opfer der Brandkatastrophe in Crans-Montana geworden. Die Bilder haben uns alle erschüttert.
Ich hatte in den letzten Wochen mit einigen direkt Betroffenen Kontakt.
Dabei habe ich neben Verzweiflung Hoffnung gesehen, trotz Ungewissenheit.
Ich habe Mut gesehen — trotz Schmerzen.
Und ich habe gespürt, wie wichtig Nähe ist: ein Wort, eine Hand, ein Mensch, der bleibt.
Diese Begegnungen haben mich tief bewegt.
Sie zeigen uns unsere Verletzlichkeit. Aber auch unsere Stärke — wenn wir füreinander da sind.
Darum mein Aufruf am heutigen Tag der Kranken:
Schauen wir hin.
Gehen wir aufeinander zu.
Lassen wir niemanden allein.
Selbstbestimmung gibt Würde.
Eingebunden sein gibt Kraft.
Wenn wir beides ermöglichen — in unseren Familien, bei in unseren Nachbarn, in unserer Gesellschaft —, dann schenken wir mehr als Hilfe.
Dann schenken wir Menschlichkeit.
Ich danke Ihnen.
