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SpeechPublished on 24 April 2026

General Assembly Swissholdings: Rise of Power Politics (de)

Bern, 24.04.2026 — Address by Federal Councillor Ignazio Cassis, Head of the Federal Department of Foreign Affairs (FDFA) – Check against delivery

Geschätzte Mitglieder von Swissholdings
Sehr geehrte Damen und Herren,

Vielen Dank für den freundlichen Empfang.

Bern ist das politische Herz der Schweiz.
Und hier zeigt sich, wie wir die Erschütterungen der Welt in Entscheidungen übersetzen.

Die Welt, in der wir noch vor wenigen Jahren lebten, gibt es so nicht mehr.

Wir hatten eine lange Phase der Globalisierung:
eine offene, vernetzte, relativ berechenbare Welt.

Heute hat sich das grundlegend verändert.

Machtpolitik ist zurück.

Regeln werden infrage gestellt.

Und die Wirtschaft ist selbst zu einem Instrument der Macht geworden – Sanktionen, Marktzugänge und technologische Kontrolle sind heute geopolitische Hebel.

Die Globalisierung verschwindet nicht – aber sie wird politischer.

Die Welt bleibt global, aber

·     Sie ist fragmentierter.

·     Unsicherer.

·     Und paradoxerweise… unmittelbarer.

Und Sie alle spüren das:

·     in Ihren Lieferketten,

·     beim Zugang zu Märkten,

·     bei Investitionsentscheiden.

In diesem Umfeld ist eines klar:
Die Schweiz kann nicht allein bestehen.

Man sagt manchmal, die Schweiz sei eine Insel.

Ja – aber eine Insel im Herzen eines Kontinents – nicht eines Ozeans.
Und umgeben von europäischen Partnern.

Daran wird sich nichts ändern.

Zudem bleibt eine einfache Tatsache: Geographie ist Politik.

Unser Wohlstand beruht auf einer einfachen Grundlage:
auf Offenheit.

Und diese Offenheit braucht drei Dinge:

klare Regeln, Berechenbarkeit, Stabilität.

Seien wir ehrlich:

Der globale Wandel stellt unser Land vor eine echte Bewährungsprobe.

Und dennoch bin ich überzeugt:

Wir müssen die Schweiz nicht neu erfinden.

Wir müssen das tun, was wir können: pragmatisch handeln.

Wir sind sehr gut im Produzieren.

·     Innovativ.

·     Qualitativ hochwertig.

·     Wettbewerbsfähig.

Aber Produzieren allein genügt nicht.

Wir müssen auch verkaufen!

Jeder zweite Franken unseres Wohlstands stammt aus dem Export. Jeder zweite.

Unser Wohlstand hängt also direkt vom Zugang zu Märkten ab.

Und mit Abstand der wichtigste Markt ist Europa:

·     450 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten

·     unser wichtigster Handelspartner

·     ein Stabilitätsanker in einer instabilen Welt

Deshalb hat sich der Bundesrat entschieden, den bilateralen Weg konsequent weiterzugehen.

Die Bilateralen III sind eine schweizerische Lösung:

Marktzugang zum europäischen Binnenmarkt – massgeschneidert.

Ohne Mitgliedschaft.

Aber mit klaren Regeln.

Und vor allem: mit Rechtssicherheit.

Das ist es, was unseren Unternehmen erlaubt,
zu planen, zu investieren – und Arbeitsplätze zu schaffen.

Natürlich gibt es auch andere wichtige Märkte:

die Vereinigten Staaten – etwa ein Fünftel des EU-Volumens, und China – etwa ein Zehntel.

Wir müssen weltweit präsent sein.

Aber Europa bleibt unsere Basis.

Die Basis unseres Wohlstands.

Ohne Marktbeteiligung - kein Wohlstand.

Wie gehen wir mit dieser Unsicherheit um?

Die Antwort ist typisch schweizerisch: mit der Kunst des Pragmatismus.

Die Kunst,

Interessen klar zu definieren, in Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben, und Schritt für Schritt Lösungen zu finden.

Nicht Ideologie bringt uns weiter – sondern

Anpassungsfähigkeit.

Und auch nicht die Illusion, wir könnten mit Lautstärke oder moralischem Anspruch, die Grossen dieser Welt beeindrucken – ganz nach dem Motto:
Am Schweizer Wesen soll die Welt genesen.”

Übermut tut selten gut.

Innenpolitischer Applaus ersetzt keinen aussenpolitischen Einfluss.

Und unter uns gesagt:
Ich kenne auch jemanden,
der diesen Pargmatismus ganz einfach
“Durchwursteln” … nennt.

Was wir uns nicht leisten können, ist Starrheit.

Zu glauben, wir könnten:

•     uns abschotten (10-Millionen-Initiative),

•     auf bessere Angebote warten,

•     oder komplexe Probleme mit einfachen Antworten lösen –
das schwächt uns.

Denken wir daran am 14. Juni:
Bundesrat und Parlament sagen klar Nein zur 10-Millionen-Initiative.

In einer komplexen Welt sind einfache Lösungen meist die falschen.

Das gilt auch für unsere Neutralität – über die wir im kommenden September abstimmen werden.

Neutralität ist kein Rückzug. Sie ist kein Vorwand für Passivität.

Neutralität ist ein Instrument.
Ein Instrument für unsere Sicherheit, unsere Unabhängigkeit – und unseren Wohlstand.

Auch hier empfehlen wir Ihnen, die Volksinitiative zur Neutralität abzulehnen.

Souveränität bedeutet heute nicht absolute Unabhängigkeit.
Souveränität bedeutet, Abhängigkeiten klug zu gestalten.

Meine Damen und Herren,

die Schweiz braucht Sie.

Nicht nur als Unternehmerinnen und Unternehmer.
Sondern als Mitgestalter unserer Zukunft.

Sie sind Botschafter unseres Erfolgs.

Sie erschliessen Märkte. Sie investieren. Sie tragen Risiken.

Dort, wo die Politik an Grenzen stösst, beginnt oft Ihr Handlungsspielraum.

Wer wirtschaftliche Offenheit verteidigen will, darf politisch nicht schweigen.

Sonst entscheiden andere -
oft im Sinne der Abschottung.

Offene Märkte brauchen offene Stimmen.
Schweigen schützt sie nicht.

Geschätzte Damen und Herren,

die Schweiz war immer dann erfolgreich,
wenn sie beides verbunden hat

Offenheit und Stabilität, Prinzipien und Pragmatismus, Staat und Wirtschaft.

Unsere Stärke war nie Perfektion.
Unsere Stärke war Anpassungsfähigkeit.

Heute leben wir wieder in anspruchsvollen Zeiten.

Aber das ist kein Grund, passiv zu werden.

Das ist nicht die Zeit für Zuschauer.
Das ist die Zeit für Mitgestalter.

Nicht Leidensgenossen. Sondern Weggenossen.

Gemeinsam können wir unsere Interessen
auch in einer unsicheren Welt behaupten.

Grazie per la vostra attenzionee buona riunione!